Lernen Allein und im Team

von | Mai 16, 2021 | Allgemein, Digital Wirksam, Lernen

Zuerst stelle ich im folgenden verschiedene Modelle und Methoden kurz vor, aus denen man sich inspirieren lassen kann, wie man mit dem Thema Lernen – egal ob allein oder als Team – umgehen kann.

Cynefin-Modell

Das Cynefin-Modell von Dave Snowden ist ein sinnstiftendes Modell, um zu sehen, wie man auf unterschiedliche Herausforderungen reagieren sollte, welche Möglichkeiten es dort gibt, zu handeln.

Die Clusterung in die vier Bereiche hilft auch bei den Herausforderungen des Lernens und zeigt verschiedene Möglichkeiten auf, Lernen zu lernen.

Klar und offensichtlich

Vokabeln Lernen gehört in den klaren und offensichtlichen Bereich. Nicht nur bei den Sprachen, auch in den Naturwissenschaften oder in den Sozialwissenschaften komme ich um das „sture Vokabeln pauken“ nicht herum. Ich muss wissen, welche Definitionen es gibt und wie man mit den Begriffen umgeht.

Es gibt sicherlich schönere Methoden als Vokabellisten abzuarbeiten und mit einem Lernkasten sich zu erarbeiten. Mindmapping, Wortfelder zusammenstellen helfen, wenn man eher visuell angelegt ist. Ich selbst habe beim „Vokabeln“ lernen in der Physik mir damals die Dinge immer wieder aufgeschrieben und dabei laut ausgesprochen. Das hilft, weil der zu lernende Stoff über mehrere Eingangskanäle in den Kopf kommt und sich dort verankert: Haptisch und visuell durch das Aufschreiben, Akustisch doppelt durch das Sprechen und Hören.

Kompliziert

Wenn ich Dinge lernen will, die kompliziert sind, brauch ich Experten dazu. Die können mir die genauen Abläufe und Abhängigkeiten erklären und ich kann mir dadurch einen Plan machen. Dies kann sowohl in Persona passieren durch das Besuchen von Trainings (Life oder Virtuell) als auch durch das Lesen von Büchern. Die Experten haben sich dabei meistens schon im Voraus Gedanken gemacht, wie sie den Stoff am besten vermitteln können. Ich kann mich darauf einlassen, muss es aber nicht. Dann dauert es ggf. länger.

Komplex

Wenn es für ein Gebiet keine Experten gibt, aus welchem Grund auch immer, muss ich mir die Erfahrungen selbst erarbeiten. Ich muss Dinge ausprobieren und daraus lernen, ob das richtig war oder nicht. In der Wissenschaft sagt man dazu auch, Experimente machen. Und zwar so, wie man das auch in der Wissenschaft tut. Vorsichtig und so, dass im Fehlerfalle es nirgends zu einem Schaden kommt. Weder bei mir, noch bei anderen, noch zu Sachschaden. Mit Inspect und Adapt kann ich mir so neue Themen erarbeiten. Hinzu noch eine Prise Retrospektive und das Lernen wird erfolgreich.

Kaotisch

Wenn ich im kaotischen Bereich lerne, dann präge ich mir Standardvorgehensweisen ein und versuche diese dann im Ernstfall anzuwenden. Auch hier gilt wieder üben, üben, üben. Als Ersthelfer z.B. habe ich einen bestimmten Satz an Handlungsanweisungen. Ist jemand ansprechbar, atmet er noch, … Je nachdem kann ich auch unter Handlungsdruck reagieren. Ist jemand bewusstlos, aber atmet sie noch, lege ich die Person in die stabile Seitenlage und sorge dafür, dass eine Meldung an die Feuerwehr losgeht. Das kann ich schon vorher regelmäßig geübt haben, aber im konkreten Fall ist es dann doch immer etwas Neues. Aber das regelmäßige Üben gehört hier dabei dazu. Damit ich im Fall der Fälle richtig handeln kann, muss ich regelmäßig geübt haben. Deshalb gibt es zum Beispiel bei den Ersthelfern im Betrieb die Wiederauffrischung des Standard-Wissens in regelmäßigen Abständen.

Der PDCA-Cycle

Wer das Cynefin-Modell genauer unter die Lupe nimmt, sieht, dass alle Handlungsweisen in den vier Hauptbereichen Spezialisierungen des PDCA-Zyklus von Deming sind. Plan – Do – Check – Act findet in allen vier Bereichen statt.

 

Plan

Do

Check

Act

Klar

prüfen

%

kategorisieren

antworten/handeln

Kompliziert

prüfen

%

analysieren

antworten/handeln

Komplex

%

ausprobieren

prüfen

antworten/handeln

kaotisch

%

handeln

prüfen

antworten/handeln

Die vier Stufen des Deming-Cycles geben eine alternative bzw. ergänzende Lernanweisung:

  1. Planen, was ich lernen will.
  2. Lernen.
  3. Prüfen, ob ich das gelernte verstanden habe und wiederholen und anwenden kann.
  4. Act, Je nach Prüfergebnis, entweder das noch nicht verstandene neu Lernen oder zum nächsten Lerngebiet übergehen.
  5. Gehe zu schritt 1.

In Schritt 5 kommt eine weitere Komponente dazu: die Wiederholungsschleife. Nach dem Act folgt ein neues Plan für einen neuen Cycle. Dies wird im Cynefin-Modell nicht so klar formuliert, ist aber im Prinzip auch drin enthalten.

Retrospektive oder Lessons Learned oder Post Mortem

Lessons Learned und Post Mortems sind Retrospektiven, die allerdings nur einmal am Ende eines Projektes durchgeführt werden. Wenn die Ergebnisse dann nicht in einer Wissensdatenbank landen, lernt meistens keiner daraus. Böse formuliert wird das Lernen angestoßen, aber meistens kann man für ein zukünftiges Projekt nicht daraus lernen, da es komplett anders läuft.

Der Vorteil von Retrospektiven sind, wenn sie regelmäßig angestoßen werden, dass es dann zum echten Lernen kommen kann. In Scrum beim Sprintwechsel, so dass ich noch Maßnahmen für den kommenden Sprint erzeugen und berücksichtigen kann. Hier baut sich dann tatsächlich ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess auf. In Kanban gibt es auch die regelmäßige Retrospektive, die aber nicht so häufig, vielleicht einmal im Monat oder alle zwei Monate stattfindet. Eine Regelmäßigkeit ist dann wichtiger als die Einmaligkeit. Einmal im Jahr in einem länger laufenden Projekt ist zu wenig. Das hat dann was von den Absichtserklärungen zu Sylvester, wo die Absicht nicht lange genug durchgehalten wird.

Um eine strategische Ausrichtung zu wahren, kann man es wie bei den OKRs machen und sich jedes Vierteljahr eine strategische Retrospektive gönnen, um sich danach den nächsten Ziele zuzuwenden. Ähnlich wird der Gedanke beim WOL und LernOS weitergetrieben, wo man persönliche Lernziele in einem Vierteljahr behandelt und danach sich einem neuem Ziel zuwendet.

Reponsibility Process

Im Reponsibility Process geht es nach dem Lernen, wie ich mit meiner persönlichen Verantwortung umgehe, darum, wie ich in ein lebenslanges Lernen hineinkommen. Die Schritte, die dort gesehen werden, bauen anders aufeinander auf als beim vierteljährlichen Lernsprint aus OKR/WOL/LernOS.

Hier werden die Schritte Studieren – Zeigen – Bitten – Lehren nacheinander durchlaufen und auch hier in einer Schleife, die aber eher als nach außen sich vergrößernde Spirale verstanden wird, da mein Wissen immer größer wird.

Shu-Ha-Ri

Shu-Ha-Ri ist ein altes Asiatisches Konzept des Lernens und beschreibt drei Entwicklungsstufe auf dem Weg zur Meisterschaft. Es bedeutet sinngemäß: lernen, loslösen, übertreffen.

In der ersten Stufe lerne ich etwas und befolge die Regelns und halte mich daran. In der zweiten Stufe löse ich mich davon. Ich verstehe die Hintergründe, kann hinterfragen und dadurch mich besser anpassen, wenn ich die Regeln auch mal Regeln sein lasse, um bessere Ergebnisse zu erzielen. In der dritten Stufe ist man zum Meister gereift und kann komplett eigene und neue Wege gehen.

Ecocycle (Liberating Structures)

Der Ecocycle kann einem bei der Visualisierung einer Strategie zum Lernen gut helfen. Hier kann ich meine Lernthemen in den unterschiedlichen Stadien einordnen und dadurch überlegen, wie ich weiter damit umgehen werde. Zusammen mit Kanbanboards zu den jeweiligen Stadien kann ich meine Priorisierungen gut verwalten.

Lernen für die Einzelperson

Wenn ich mit dem Gedanken des lebenslangen Lernen nähern, kann ich aus den obigen Methoden und Modellen mir folgenden Ablauf bauen.

Anfangen mit dem ersten Thema mit Hilfe von Webinaren, Büchern oder Trainings. Um das spezifische Vokabular muss ich mich auch kümmern. Wenn ich auf diese Weise etwas verstanden und begriffen habe, versuche ich es auf neue Situationen anzuwenden. Ggf. mache ich Lernexperimente und versuche mit Hilfe von regelmäßigen Retrospektiven an meinem Lernfortschritt zu arbeiten. Den Lernfortschritt kann ich transparent machen mit Hilfe des Ecocycles. Wenn ich das Thema soweit verstanden habe, dass ich es ggf. auch lehren kann, bin ich am Ende meines ersten Themas angekommen. Dann kann ich mich dem nächsten Thema widmen.

Evtl. kann ich das die Themen in Vierteljahresrhythmen eintakten, um mich auch größeren Themen zu widmen.

Lernen für das Team

Das Lernen für Teams basiert auf dem Lernen des Einzelnen. Hier kommen die Rituale der regelmäßigen Retrospektive dazu, so dass ich mir auch als Team Themen und Maßnahmen vornehmen kann. Auch hier ist die Anwendung des Ecocycle sowie der Vierteljahresrhythmen gut vorstellbar.

Wie lernst Du bzw. wie lernt Ihr im Projektteam? Wir können uns dazu gerne auf dem PM Camp Hamburg am 4. Juni treffen und darüber diskutieren und Erfahrungen austauschen. Die Tickets gibt es hier: 

https://pmcamphh2021virtuell.eventbrite.de